• Lenzsiedlung e.V., Hamburg-Lokstedt

Treffpunkt: Tante Emma

Seit Beginn der der Corona-Krise fehlt ein Treffpunkt für Nachbarn. Also gründete der Bewohnerverein einen kleinen Tante-Emma-Laden, der jetzt die Anwohner zusammenbringt.

Neue Anlaufstelle im Kiez

In den bauchigen Bonbongläsern sehen die Lutscher, Schokoriegel und Kaubonbons besonders lecker aus. „Kann ich einen Lolli haben?“ fragt ein Mädchen, das sich mit dem Angebot des neuen Kiosks in der Lenzsiedlung bestens auskennt. Monika Blaß, selbsternannte Tante Emma, holt die Leckerei aus dem Glas. Für die Mutter der Kleinen reicht sie einen Becher Kaffee nach draußen. Auf dem Hof stehen Stühle in der Sonne. Ein paar Nachbarinnen haben sich schon zum gemütlichen Plausch eingefunden. Wegen Corona sitzen die Frauen auf Abstand, isoliert fühlt sich hier aber niemand.

Stullen gibt es umsonst

Dafür hat das Lädchen gesorgt. Der Verein Lenzsiedlung betreibt seit Mai den Mini-Shop, für den ein Tisch kurzerhand zur Theke umfunktioniert wurde. Außer Bonbons und Kaffee sind selbstgeschmierte Brote, Zeitschriften, Kinderbücher, frisches Gemüse und zwei Sorten Eis zu haben. Fast alles ist umsonst, nur die Süßigkeiten kosten 10 bis 50 Cent. „Wir wollen hier kein Geld verdienen“, sagt Monika Blaß, die das Bürgerhaus in der Hochhaussiedlung leitet. Die Initiative, für die sie seit zwanzig Jahren arbeitet, ist 1977 als Bewohnerverein entstanden. Der Verein organisiert soziale und kulturelle Angebote im Quartier, in dem 3000 Menschen aus 60 Nationen leben.

Dorfplatz im Hochhausquartier

Wo der zunehmend beliebte Tante-Emma-Laden jetzt an zwei Vormittagen und drei Nachmittagen in der Woche seine Durchreiche öffnet, findet normalerweise der Familientreff statt. Dieses offene Angebot muss wegen der Kontaktbeschränkungen vorerst ausfallen. „Wir haben nach einer Möglichkeit gesucht, wieder aufzumachen“, sagt Monika Blaß. Inzwischen wirkt der Hof vor dem Laden wie ein Dorfplatz: Man tauscht sich aus und ist in den schwierigen Zeiten füreinander da. „Es ist eine tolle Nachbarschaft, die sich sehr unterstützt“, findet Monika Blaß. „So eine kleine Anlaufstelle würde sicher vielen Nachbarschaften gut tun!“

Brokkoli und Bananen to go

Die Bewohner packen beim Lädchen gerne mit an. Der 14-jährige Ivo und seine Mutter zum Beispiel kümmern sich um das Gemüse, das eine benachbarte Edeka-Filiale der Lenzsiedlung zweimal wöchentlich spendet. Mit einem Handkarren holt Ivo die Obst- und Gemüsekisten im Supermarkt ab. Heute sind besonders viele Bananen dabei, außerdem Brokkoli, Paprika, Pilze und Kartoffeln. „Jeder kann sich eine Tüte mitnehmen. Das ist alles am Abend weg“, sagt Blaß.

Ladentheke für alle

Gerne möchte sie das Ladenprojekt im Herbst zu einem dauerhaften Treffpunkt ausbauen – wenn die Corona-Pandemie den Schritt nach drinnen zulässt. Das Café in der Lenzsiedlung, das zur Zeit keinen Pächter hat, könnte mit dem vorhandenen Tresen wie ein Laden eingerichtet werden. Alle Nachbarn sollen sich dann von dem Projekt angesprochen fühlen, genau wie jetzt. Kurz vor Ladenschluss nähert sich ein letzter kleiner Kunde schüchtern dem Verkaufstisch. Zwar sind die Bonbongläser schon weggeräumt, aber der Junge mit dem Fahrradhelm möchte sowieso viel lieber ein Schokoladeneis.

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