Erste Hilfe unter Nachbarn

Vor allem in Notsituationen haben Menschen von nebenan eine Sonderstellung: Schnelle Erreichbarkeit!

„Meine Nachbarin war sofort zur Stelle,“ erzählt Linda Orth aus Bonn. Wegen eines Bandscheibenvorfalls lag sie nahezu unbeweglich in ihrer Wohnung, konnte sich nur durch lautes Rufen bemerkbar machen. Ihr Vorteil: Die Nachbarin hatte einen Schlüssel zu ihrer Wohnung. Laut Umfrage von Netzwerk Nachbarschaft ist das kein Sonderfall. Jeder Vierte vertraut heute schon seinen Schlüssel dem Nachbarn an, bei den über 60-Jährigen macht es sogar jeder Zweite. Eine gute Entscheidung, meint Erdtrud Mühlens vom Netzwerk Nachbarschaft. „Das Bedürfnis, in der Nachbarschaft sicher aufgehoben zu sein und in Notsituationen Hilfe von nebenan zu erhalten, steigt mit fortschreitendem Alter deutlich.“

Häusliche Unfälle nehmen im Alter zu

Gerade in den eigenen vier Wänden passieren die meisten Unfälle. Eine glatte Stufe, ein loser Teppich, ein herumliegendes Kabel und schon passiert's: Ältere Menschen stolpern leicht und fallen hin. Rund fünf Millionen Stürze zählt die Statistik jedes Jahr allein unter deutschen Senioren. Mehr als ein Drittel aller über 65-Jährigen stürzt mindestens einmal pro Jahr, bei den über 80-Jährigen passiert es jedem Zweiten. Fatal: Das Risiko eines erneuten Sturzes steigt in dieser Altersgruppe deutlich. Oft führt die Angst davor dazu, dass sich die Betroffenen kaum mehr bewegen. Dadurch aber schwinden Kraft und Kondition, was das Sturzrisiko weiter erhöht.

Gute Nachbarschaft hält gesund

Diesen Teufelskreis zu durchbrechen ist das Ziel zahlreicher Nachbarschaftsprojekte in ganz Deutschland. Hier trifft man Absprachen, um von vornherein Unfallgefahren und vor allem eine Vereinsamung zu vermeiden. So machen es beispielsweise die Bewohner von Gemeinschaftswohnprojekten wie „Lebensräume in Balance e.V.“ in Köln-Ostheim. Jeder bringt sich ein und ist für den anderen da, sei es bei Krankheit oder wenn ganz schnell mal Hilfe bei der Kinderbetreuung gebraucht wird. Oder das Projekt „Wohnen für Hilfe“, das Alt und Jung auf besondere Weise zusammen bringt: Studenten bieten Senioren Gesellschaft und Alltagshilfe und erhalten dafür von den Senioren kostenlosen Wohnraum. So können sich ältere Menschen sicher sein, dass ihnen in Notfällen schnell geholfen werden kann.

Erste Hilfe zu Hause

Netzwerk Nachbarschaft stellt Projekte vor, die Anregungen und konkrete Einblicke in ihre Hilfs-Netzwerke geben. Dass man sich über den Gesundheitszustand der alleinlebenden Nachbarn informiert, bei Bedarf Kontakt mit den Angehörigen aufnimmt und Absprachen trifft, ist vielerorts bereits Praxis. „Wir wollen dazu beitragen, dass der Mehrgenerationen-Zusammenhalt in Nachbarschaften weiter wächst und sich Nachbarn in Ihrer Rolle als Erst-Helfer sicher und wertgeschätzt fühlen“, sagt Erdtrud Mühlens, Gründerin von Netzwerk Nachbarschaft